Auslandprojekt
Tore bauen in Liberia – neue Perspektiven gewinnen
Wenn ein Schweizer Metallbauer für zwei Wochen nach Liberia reist, um Tore zu bauen, klingt das nach einem ungewöhnlichen Auftrag. Für Daniel Vonrüti, Mitinhaber und CEO der Blaser Metallbau AG in Andelfingen, wurde daraus weit mehr: eine Reise voller Improvisation, Lernmomente – und ein Perspektivenwechsel, den er gemeinsam mit seinen beiden Söhnen erlebte.
«Gut, dass du da bist. Ich brauche acht Schiebetore.» Mit diesem Satz wurde Daniel Vonrüti in Gbarnga begrüsst – einer Stadt im Herzen Liberias, rund drei Stunden nordöstlich der Hauptstadt Monrovia. Gesagt hatte das sein Freund Peter Kummer, der dort seit rund zehn Jahren lebt und ein christliches Hilfswerk betreibt.
Die Idee für den Arbeitseinsatz entstand in Gesprächen. Gute Handwerker könne er immer gebrauchen, meinte Kummer. Also reiste Vonrüti im Januar für zwei Wochen nach Liberia – bewusst in einer ruhigeren Phase seines Unternehmens. Mit dabei: seine beiden Söhne (17 und 15) sowie ein Kollege der Jungs, der eine Elektrikerlehre macht.
Wenn das Material den Plan bestimmt
Was zunächst nach einem überschaubaren Projekt klang, entpuppte sich schnell als Herausforderung. Die acht Tore für eine neue Halle waren alles andere als klein. Das grösste mass 4,50 m in der Breite und 3,3 m in der Höhe – ein «Riesentor», wie Vonrüti sagt. Die anderen waren nur unwesentlich kleiner.
Noch bevor der erste Schweisspunkt gesetzt werden konnte, stellte sich die zentrale Frage, welche Materialien sind überhaupt erhältlich? Beim Eisenhändler der Stadt fand Vonrüti doch drei Profiltypen: Vierkantrohre 30 × 30 × 0,7 mm, 50 × 25 × 0,7 mm sowie ein U-Profil 50 × 25 × 3 mm. Stahlbleche waren maximal 1,5 mm stark. «Eigentlich schon an der unteren Grenze», erinnert er sich. Aber in Liberia gilt: Es gibt, was es gibt.
Das Material wurde bestellt und bereits am nächsten Tag mit einem stark ramponierten Pick-up geliefert. Währenddessen nahm Vonrüti Mass und fertigte Skizzen an.
Die wohl «besten Gummipuffer der Welt»
Die Werks-Infrastruktur war schlicht: ein Elektroden-Schweissgerät, eine Trennscheibe und eine Bohrmaschine. Rollen und Führungsschienen hatte Kummer bereits aus der Schweiz organisiert. Unterstützt wurde das Team von mehreren lokalen Handwerkern. Für Vonrüti war das eine Gelegenheit, Wissen weiterzugeben – und selbst zu lernen. Zum Beispiel Gelassenheit. Ein junger örtlicher Handwerker sollte für dieses Projekt 20 Stahlklötze zuschneiden. Obwohl er ein exaktes Musterstück erhielt, nahm er jeweils das zuletzt geschnittene Teil als Vorlage. Ergebnis: Jedes Stück wurde ein wenig anders. «Logisch», sagt Vonrüti lachend. «Aber so arbeitet man dort.»
Improvisation zeigte sich auch bei den fehlenden Gummipuffern. Ein Einheimischer wusste Rat und begab sich zu einem Autoabbruch. Aus alten Lastwagenreifen wurden Stücke gesägt und auf 60 × 60 mm zugeschnitten, ein Loch gebohrt – fertig waren die wohl «besten Gummipuffer der Welt», und dies erst noch in Re-Use.
Die grösste Herausforderung blieb das Zusammenschweissen der Torrahmen. Immerhin gab es dank Solaranlage eine stabile Stromversorgung.
Strukturierter Arbeitsablauf
Der Arbeitsablauf war klar: zuerst der geschweisste Rohrrahmen, danach die Bleche – mit Silikon gegen Scheppern –, anschliessend die Bleche aussen verschweissen und in der Mitte vernieten. Als Füllung kam Glaswolle zum Einsatz, eines der wenigen lokal gut verfügbaren Materialien. Eine Bedingung stellte Vonrüti dennoch gleich zu Beginn: Holzböcke zum Arbeiten. «Ich arbeite nicht am Boden.»
Zuerst baute er mit seinem Team das grösste Tor komplett und montierte es – auch als Prototyp. Danach bereiteten sie die weiteren Konstruktionen vor, verschweissten alle Rahmen, sodass lokale Handwerker sie später fertigstellen konnten. Um trotz der zu dünnen Wandstärke der Rohre mit den Elektroden eine gute Verschmelzung zu erreichen, entfernte Vonrüti bei einzelnen Elektroden den Schutzmantel und verwendete den nackten Draht parallel zur Elektrodenschweissung als Zusatzstab – Improvisation halt.
Erfahrungen, die den Blick verändern
Für Vonrütis Söhne wurde der Einsatz zu einem besonderen Erlebnis. «Endlich konnten wir arbeiten, ohne ständig angewiesen zu werden, denn schliesslich hatten wir in der Mitte unserer Ausbildung wesentlich mehr Wissen und Können als die einheimischen Arbeiter», sagten sie. «Wir waren die Profis.» Neben dem Torbau halfen sie bei verschiedenen Projekten auf dem Anwesen.
Auch die wirtschaftlichen Unterschiede wurden sichtbar: Ein Tageslohn liegt bei etwa fünf US-Dollar. Ein Mittagessen in einem guten Restaurant kostet rund 20 Dollar, ein Bier etwa zwei. Zwei Bier – und der Tageslohn ist aufgebraucht.
Gleichzeitig erlebte Vonrüti grosse Herzlichkeit, Dankbarkeit und Respekt. Und überraschend viel Bürokratie: Behördenvertreter erscheinen regelmässig, um Zertifikate zu kontrollieren.
Acht Tage arbeitete das Team an den Toren – improvisierend, schwitzend und oft auch lachend. Ob die Konstruktionen allen Normen entsprechen? «Solche Normen gibt es dort nicht», sagt Vonrüti. «Aber mir war wichtig, dass Fluchtwege funktionieren und keine Verletzungsgefahr besteht.»
Nach zwei Wochen kehrte Vonrüti mit seinen Jungs in die Schweiz zurück – mit vielen Eindrücken und einer Erkenntnis: «Man lernt wieder schätzen, was wir hier in der Schweiz haben. Material, Infrastruktur, Möglichkeiten – bei uns ist praktisch alles verfügbar.» Vielleicht müsse man gleichzeitig lernen, manchmal etwas weniger perfektionistisch zu sein.
Denn in Liberia war vor allem Kreativität gefragt. ■
Heisse Fragen an Daniel Vonrüti
Herr Vonrüti, was war Ihr erster Gedanke, als Sie von den acht Schiebetoren hörten?
Zuerst dachte ich: Das klingt machbar. Als ich die Dimensionen und auch die Infrastrukturen sah, musste ich kurz schlucken – aber genau dafür war ich ja dort.
Was war die grösste Herausforderung?
Die Materialbeschaffung und die einfachen Werkzeuge. In der Schweiz bestellen wir einfach. Dort mussten wir zuerst herausfinden, was es überhaupt gibt.
Hat Sie die Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern überrascht?
Ja, vor allem die Herangehensweise. Präzision wird anders verstanden. Aber die Motivation war gross – und es gibt viele Wege, ein Problem zu lösen.
Sie waren mit Ihren Söhnen unterwegs. Wie haben sie das erlebt?
Sie waren begeistert. Sie konnten Verantwortung übernehmen und sahen, wie privilegiert unsere Ausbildung in der Schweiz ist.
Gab es einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung bleibt?
Die improvisierten Gummipuffer aus Lastwagenreifen. In der Schweiz hätten wir wohl lange nach dem perfekten Produkt gesucht.
Was nehmen Sie persönlich aus der Reise mit?
Dankbarkeit – und etwas mehr Gelassenheit.