September 2026
September 2026
Abo

Hocheffiziente BIPV wird farbig

Bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV)

Bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV) gilt als Schlüsseltechnologie für die Energiewende im Gebäudesektor – und der Zubau kommt in Fahrt. Wie BIPV künftig häufiger zur Anwendung kommen könnte und welche neuen Lösungen es gibt, hat die glasstec bei den Experten Prof. Dr.-Ing Ulrich Knaack (Technische Universität Darmstadt und Delft) und Dr. Thomas Kroyer (Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE) nachgefragt.


Login

Danke für Ihr Interesse an unseren Inhalten. Abonnenten der Fachzeitschrift metall finden das Login für den Vollzugriff im Impressum der aktuellen Printausgabe. Das Passwort ändert monatlich.


Jetzt registrieren und lesen. Registrieren Sie sich um einzelne Artikel zu lesen und einfach per Kreditkarte zu bezahlen. (CHF 5,- pro Artikel)
Als registrierter Benutzer haben Sie jederzeit Zugriff auf Ihre gekauften Artikel.

Sollten Sie als interessierte Fachkraft im Metall-, Stahl- und Fassadenbau die Fachzeitschrift metall tatsächlich noch nicht abonniert haben, verlieren Sie keine Zeit und bestellen Sie Ihr persönliches Abonnement gleich hier.

Die grossflächige BIPV-Anlage auf dem Dach des Millerntor-Stadions in Hamburg, die LichtBlick (Hamburg) federführend plante, erzeugt auf dem Stadiondach des FC St. Pauli jährlich etwa 285 000 Kilowattstunden grünen Strom – genug für rund 80 Mehrfamilienhaushalte.  Bild: LichtBlick SE
Die grossflächige BIPV-Anlage auf dem Dach des Millerntor-Stadions in Hamburg, die LichtBlick (Hamburg) federführend plante, erzeugt auf dem Stadiondach des FC St. Pauli jährlich etwa 285 000 Kilowattstunden grünen Strom – genug für rund 80 Mehrfamilienhaushalte. Bild: LichtBlick SE

 

Bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV)

Hocheffiziente BIPV wird farbig

Bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV) gilt als Schlüsseltechnologie für die Energiewende im Gebäudesektor – und der Zubau kommt in Fahrt. Wie BIPV künftig häufiger zur Anwendung kommen könnte und welche neuen Lösungen es gibt, hat die glasstec bei den Experten Prof. Dr.-Ing Ulrich Knaack (Technische Universität Darmstadt und Delft) und Dr. Thomas Kroyer (Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE) nachgefragt.

Text: Marc Everling, Nachhaltige Kommunikation / Bilder: Diverse.

Laut der Deutschen Energie-Agentur (dena) wurden 2023 und 2024 in Deutschland jeweils mehr als 10 Gigawatt Solarstrom-Erzeugungskapazität zugebaut. Ein Erfolg, den es auszubauen gilt, denn nach Erhebungen des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme könnten in den verfügbaren Dach- und Fassadenflächen Deutschlands bis zu 1000 Gigawatt peak (GWp) installiert werden, der PV-Bedarf in einem vollständig erneuerbaren Energiesystem wäre schon mit rund 500 GWp erreicht.

Hinweis der Redaktion : Auch in der Schweiz schreitet der Ausbau der Photovoltaik mit hohem Tempo voran. 2023 wurden Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von über 1,6 Gigawatt (GW) neu installiert. 2024 erreichte der Zubau mit rund 1,8 GW einen neuen Höchststand. Damit stieg die installierte Gesamtleistung bis Ende 2024 auf rund 8,2 GW. Das weitere Potenzial ist beträchtlich: Nach aktuellen Angaben von Swissolar könnten geeignete Dächer und Fassaden in der Schweiz jährlich rund 75 Terawattstunden (TWh) Solarstrom erzeugen – rund 25 Prozent mehr als der heutige schweizerische Stromverbrauch. Grundlage dafür sind Potenzialberechnungen des Bundesamts für Energie (BFE). Damit kommt den Gebäudehüllen und insbesondere der Nutzung von Dach- und Fassadenflächen eine zentrale Rolle beim weiteren Ausbau der Photovoltaik zu.

Gestaltungsfreiheit bei der Ästhetik

Erneuerbare Energie ist die wichtigste Quelle für den wachsenden «Stromhunger», auch im sich wandelnden Wärme- und Mobilitätssektor – vor allem über Windenergie und Photovoltaik, dies auch wegen der vergleichsweise geringen Erzeugungskosten. Das weitaus grösste Wachstumspotenzial bei der Photovoltaik bietet die Gebäudehülle mit ihren grossen nutzbaren Flächen, die mit Photovoltaik ausgestattet vor allem die Energieversorgung in Städten nachhaltiger gestalten würden.
Solare Gebäudehüllen senken die CO 2 -Emissionen des Gebäudesektors erheblich, bieten Verschattung, vermeiden Netzausbaukosten und erbringen nachhaltige lokale Wertschöpfung. Einer der Gründe, warum BIPV vor allem in der Vertikalen noch immer zu selten eingeplant wird, dürfte die mangelnde Gestaltungsfreiheit bei der Ästhetik der Module sein. Architektonische Gläser mit integrierten Photovoltaikzellen (zum Beispiel Sunplus BIPV, Pilkington) erlauben zwar bereits seit einigen Jahren das Spiel mit Mustern. Farbliche Gestaltungsmöglichkeiten von hocheffizienten BIPV-Modulen gab es bislang jedoch kaum: «Nach meinem Verständnis braucht es für einen stärkeren Ausbau der bauwerkintegrierten Photovoltaik, insbesondere in der Fassade, mehr Möglichkeiten, Farbe und Abmessungen der Module an die gewünschte Geometrie und Ästhetik des Gebäudes anzupassen», erklärt Prof. Dr.-Ing. Ulrich Knaack, Fachgebietsleiter Fassadentechnik an der Technischen Universität Darmstadt und Leiter des Lehrstuhls «Design of Construction» an der TU Delft.
«Die Ästhetik der Fassade bestimmt die Ästhetik der Module. Und andersherum: Durch farblich individualisierbare Module können Architekten die Ästhetik von Fassaden gestalten. Wir müssen BIPV-Fassadenteile wie Ziegel, Klinker oder Designpaneele verstehen: Hier können wir aus einer Vielzahl an Oberflächen, heute auch Grössen, wählen und diese auch in individuellen Mustern einsetzen – mit dem Ziel einer gewünschten Individualität.» Ein Hindernis auf dem Weg zur farblichen Individualisierung war bislang vor allem der vergleichsweise geringe Wirkungsgrad von gestalteten Modulgläsern verglichen mit herkömmlichen schwarzen Modulen.

 

«Nach meinem Verständnis braucht es für einen stärkeren Ausbau der bauwerkintegrierten Photovoltaik, insbesondere in der Fassade, mehr Möglichkeiten, Farbe und Abmessungen der Module an die gewünschte Geometrie und Ästhetik des Gebäudes anzupassen.» Prof. Dr.-Ing. Ulrich Knaack

 

Entwicklung der gebäudenahen Photovoltaik in Deutschland: In den Jahren 2023 und 2024 wurden in Deutschland jeweils mehr als 10 Gigawatt neue Solarstrom-Erzeugungskapazität zugebaut.
Entwicklung der gebäudenahen Photovoltaik in Deutschland: In den Jahren 2023 und 2024 wurden in Deutschland jeweils mehr als 10 Gigawatt neue Solarstrom-Erzeugungskapazität zugebaut.

 

Farbige BIPV für die Gestaltung von Fassaden

Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE arbeitete bereits seit einigen Jahren an einer Lösung, die nun auch in grossen Mengen und für beliebige Modulabmessungen marktreif ist. Dr. Thomas Kroyer, der am Fraunhofer ISE forscht, entwickelte mit seinem Team die patentierte «MorphoColor»-Technologie: Anders als Farbpigmente oder farbige Folien, die das Modul zum Teil stark abschatten, erzeugt das Institut die gewünschte Farbe durch eine Interferenzschicht, die es ermöglicht, einzelne Wellenlängen des Sonnenlichts genau zu selektieren und optisch zurückzuwerfen, um eine intensive Farbgebung zu erzeugen. Für das grosse restliche Spektrum des Sonnenlichts bleibt das Glas durchsichtig und die Energieverluste gering. Kroyer erläutert: «Es gibt viele gut geeignete Flächen in Dach und Fassade, wo man Photovoltaik sinnvoll integrieren kann. Mit unserer Lösung geben wir den Architekten die Freiheit, PV-Module zur Gestaltung einzusetzen. Alternativ kann die PV-Funktionalität auch ganz versteckt werden. Meist kann man aus der Nähe noch dezent erkennen, dass es sich um PV-Module handelt, aber aus wenigen Metern Entfernung sieht man den Unterschied zu normalen Fassadenplatten nicht mehr.»
Farbige PV-Module mit der MorphoColor-Beschichtung erbringen exzellente 90–96 Prozent der Leistung eines vergleichbaren schwarzen Moduls, je nach Farbe: «Bei herkömmlichen Solarmodulen wird der Grossteil der Energie von auftreffenden Photonen des langwelligen roten Lichts in Strom verwandelt. Das kurzwellige blaue Licht wird hingegen nur zu einem kleineren Teil genutzt. Daher ist der Stromverlust geringer, wenn man blaues Licht reflektiert, als beispielsweise rotes Licht. Ein Modul mit einem blauen Abdeckglas hat also einen leicht besseren Wirkungsgrad (96 Prozent der Leistung eines schwarzen Moduls) als ein rotes (94 Prozent).»

Der Neubau des Bürogebäudes der Firma Enerparc in Hamburg zeigt die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von bauwerkintegrierter Photovoltaik. Hier kommen architektonische Gläser mit integrierten Photovoltaikzellen (Sunplus BIPV, Pilkington) zum Einsatz. Foto: Constantin Meyer
Der Neubau des Bürogebäudes der Firma Enerparc in Hamburg zeigt die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von bauwerkintegrierter Photovoltaik. Hier kommen architektonische Gläser mit integrierten Photovoltaikzellen (Sunplus BIPV, Pilkington) zum Einsatz. Foto: Constantin Meyer

 

Farbige Photovoltaik bietet nicht nur in der Fassade, sondern auch dort neue Möglichkeiten, wo man sie nicht gleich vermutet, nämlich im Denkmal- und Ensembleschutz. Kroyer: «Auf den Dächern entsprechend geschützter Gebäude war die Installation von Photovoltaik bislang schwierig. Rote Module hingegen fügen sich bei typischen roten Dacheindeckungen sehr gut ins Stadtbild ein.» Um auch grossformatige Abdeckgläser und umfangreiche Projekte realisieren zu können, entwickelte das Fraunhofer ISE seine Technologie jetzt zur Marktreife, in Zusammenarbeit mit Lizenznehmer AGC Plasma, die die Coatings in Lauenförde für Farbhomogenität und hohe Winkelstabilität in Magnetronsputter-Technologie aufbringen und neben dem Institut und Photovoltaik-Modulhersteller Axsun (bei Ulm) Förderpartner waren. Die Entwicklung wurde durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz im Projekt «PVHide» unterstützt. Das aktuellste und bislang grösste Projekt mit MorphoColor-Technologie ist die Regenbogen-PV-Anlage auf dem Dach der Nordtribüne des Millerntor-Stadions in Hamburg, die LichtBlick SE federführend plante – in Regenbogenfarben.

Die glasstec 2026 wird vom 20. bis 23. Oktober 2026 in Düsseldorf erneut die zentrale und impulsgebende Leitmesse für den Austausch über Zukunftsthemen der Glasbranche – dazu gehört auch die Bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV). Mehr Informationen: www.glasstec.de   ■