Januar 2023
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«Eine Bewusstseinsänderung kann bereits viel bewirken»

Energieversorgung Schweiz

Im Rahmen eines Schreibprojekts führten die Lernenden vom AM Suisse ein Interview mit Rochus Burtscher von der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW) und besuchten das Bildungszentrum Aarberg (BZA), um dessen Leiter Paul Andrist zu aktuellen Herausforderungen im Zusammenhang mit der aktuellen Stromversorgungslage zu befragen.


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Die beiden Lernenden Sanne Widmer und Julien Rafael im Interview mit Rochus Burtscher, COO und CFO der Energie-Agentur der Wirtschaft.
Die beiden Lernenden Sanne Widmer und Julien Rafael im Interview mit Rochus Burtscher, COO und CFO der Energie-Agentur der Wirtschaft.

 

 

Energieversorgung Schweiz

«Eine Bewusstseinsänderung kann bereits viel bewirken»

Im Rahmen eines Schreibprojekts führten die Lernenden vom AM Suisse ein Interview mit Rochus Burtscher von der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW) und besuchten das Bildungszentrum Aarberg (BZA), um dessen Leiter Paul Andrist zu aktuellen Herausforderungen im Zusammenhang mit der aktuellen Stromversorgungslage zu befragen.

Text: Julien Rafael, Sanne Widmer / Bilder: Paul Andrist, Seraina Gurtner

Die Lage in der Schweiz
Um sich einen besseren Eindruck der Gesamtsituation zu verschaffen, haben die AM Suisse-Lernenden Rochus Burtscher, COO und CFO der EnAW, interviewt.

In der Schweiz sind verschiedene Energieträger im Einsatz: Strom, Brennstoffe und Treibstoffe. Diese stammen aus fossilen Energiequellen (Erdgas, Erdöl), Kernenergie sowie erneuerbaren Energien wie Sonne, Wasserkraft, Holz und weiterer Biomasse. Erneuerbare Energien sind zwar ökologischer, werden derzeit aber noch nicht konsequent genug eingesetzt. Sehr im Aufwind ist Photovoltaik.
Die Schweiz war vor dem Krieg in der Ukraine stark abhängig vom Gaszulieferer Russland. Heute ist das bereits anders: Andere Lieferanten sind eingesprungen – insbesondere mit Liquid Natural Gas (LPG) aus den USA und Europa. Das Öl wird mehrheitlich aus Nigeria, Libyen und den USA bezogen und dürfte nicht knapp werden. Eine wichtige Stromquelle trotz der Schweizer Wasserkraft ist Frankreich mit seinen Atomkraftwerken, die zurzeit aber «kränkeln» aufgrund von Korrosionsschäden, Revisionsarbeiten und der Neubestückung mit Brennstoff.
Die Schweiz verfügt nicht in allen Landesteilen über ein Gasnetz und hat keine eigenen Gasspeicher.
Die Schweiz spielt eine sehr grosse Rolle in der europäischen Energieversorgung, sie ist das «Verteilzentrum» und somit in das gesamte europäische Netz eingebunden. Sowohl beim Strom als auch beim Gas ist es wichtig, dass die Netze stabil gehalten werden können. Bei einer drohenden Netzinstabilität im Stromnetz kommen sogenannte Pumpspeicherkraftwerke zum Einsatz. Diese können jederzeit Strom in das Netz einspeisen oder Strom aus dem Netz herausnehmen.

Ausmass der Mangellage

Rochus Burtscher schätzt die Lage so ein, dass die Schweiz diesen Winter von einer Mangellage verschont bleibt, der nächste Winter jedoch härter werden dürfte und die Knappheit voraussichtlich bis ins Jahr 2025 andauern wird.
Welche Branche am meisten von der angespannten Lage betroffen ist, lässt sich schwer sagen. Alle Branchen sind zu einem gewissen Grad voneinander abhängig. Mit dem heutigen Lebensstandard des Volkes ist vieles digital und somit vom Strom abhängig.
Die Schweiz sieht als Notfallplan für Strom und Gas einen vierstufigen Eskalationsplan vor. Am Beispiel Strom: In der Stufe 1 geht es um den Appell an die Bevölkerung. Wenn dieser nicht greift, kommt die 2. Stufe zum Zug; die Verbote. Bei der Stufe 3 gibt es Kontingente. Grossverbraucher dürfen nur noch eine gewisse Zeit oder Menge Strom verbrauchen. Ab der Stufe 2 ist der Bundesrat zuständig. In der Stufe 4 kommt es zu Teilabschaltungen des Stromnetzes. Gewisse Dinge wie Blaulichtorganisationen etc. dürfen nicht ausgeschaltet werden. 

 

«Die Schweiz spielt eine sehr grosse Rolle in der europäischen Energieversorgung, sie ist das «Verteilzentrum» und somit in das gesamte europäische Netz eingebunden.»  

Handlungsempfehlungen

Gemäss Rochus Burtscher kann eine Bewusstseinsänderung bereits viel bewirken, um Energie und somit Geld zu sparen. Es ist ein wichtiger Anfang, bei sich zu Hause zu schauen, welche Geräte im Standby mit dem Strom verbunden sind, ohne dass sie gebraucht werden. Rochus Burtscher empfiehlt den Mitgliedern, Betriebsoptimierungsmassnahmen vorzunehmen. Diese nennt man «Quick Wins».  

Wo ist der Energiebedarf im BZA am höchsten?

Paul Andrist, Leiter BZA, erklärte den Lernenden, wo der Strombedarf der Ausbildungsstätte liegt und welche Massnahmen Auswirkungen auf den Schulalltag haben.
Am meisten Energie brauchen die Beleuchtung, die elektrischen Werkzeuge und das Schweissen. Nicht zu vergessen ist der Energiebedarf für die Druckluft-Erzeugung. In allen Werkstätten gibt es Druckluftanlagen, welche für gewisse Arbeiten benötigt werden. Sollte dieses System nicht 100 % dicht sein, kann sehr viel Energie verloren gehen.

Exorbitante Energiekosten

Durch die stetig steigenden Energiepreise fallen für das Bildungszentrum Mehrkosten im Betrag von 100 000 Franken pro Jahr an. In dieser Berechnung sind die Sparmassnahmen noch nicht berücksichtigt. Das BZA bezieht seine Energie grösstenteils aus drei Energiequellen: Gas, Strom und Dieselkraftstoff. Letzterer wird für den Betrieb der Schulungsfahrzeuge benötigt.
Das Bildungszentrum verfügt über eine Photovoltaik-Anlage; diese produziert im Schnitt jährlich 85 000 kWh. Im Jahr verbraucht der Ausbildungsbetrieb ca. 245 000 kWh und gehört somit zu den Grossverbrauchern. In der Schweiz gilt jeder Strombezüger ab 100 000 kWh als Grossverbraucher. Die Grossverbraucher können auf dem freien Markt Strom einkaufen. Das Bildungszentrum kauft seit 2012 auf dem freien Markt ein. Der Strom wurde bis heute immer zu einem festen Preis für jeweils drei Jahre eingekauft. Alle drei Jahre wurde jeweils ein neuer Vertrag ausgehandelt. Wechselt man einmal auf den freien Markt, ist man daran gebunden und kann nicht zurück in den normalen Markt.

Die Photovoltaikanlage des Bildungszentrums in Aarberg.
Die Photovoltaikanlage des Bildungszentrums in Aarberg.

 

Sparmassnahmen im BZA

Eine effektive Sparmassnahme konnte bereits umgesetzt werden: die Senkung der Temperatur in den Büroräumen. Vorher war die Temperatur bei 21,7 Grad Celsius, danach wurde die Temperatur um 1,3 Grad Celsius reduziert. Eine kontrollierte Lüftung vereinfachte die Umsetzung. Ebenfalls wird in den Schulungshallen die Beleuchtung durch energiesparende LED-Lampen ausgetauscht. Durch diese Massnahme können die Energiekosten für die Beleuchtung um einen Drittel gesenkt werden. Ausserdem ist eine Erweiterung der Photovoltaik-Anlage vorgesehen. Der Nachteil einer Photovoltaik-Anlage ist, dass konventionelle Wechselrichter von Solaranlagen bei einem Stromausfall automatisch vom Netz getrennt und abgeschaltet werden. Auch wenn eine Photovoltaik-Anlage genügend Energie ins Netz einspeisen könnte, gibt diese leider keine Versorgungssicherheit bei einem Stromausfall, ausser man installiert bei sich einen Elektrospeicher (geht auch bei bidirektional ladbaren E-Fahrzeugen) und einen notstromfähigen Wechselrichter.
Inwieweit die Energiesituation das Ausbildungszentrum treffen wird, lässt sich nicht voraussehen. Doch mit den umgesetzten Sparmassnahmen hat das AM Suisse-Bildungszentrum bereits einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung vollzogen.

Weitere nützliche Links sowie eine Checkliste für Sparmassnahmen finden Sie im Energiedossier des AM Suisse.
www.amsuisse.ch    ■